Sondermodelle

Das 1973er Sondermodell – ein sonderbarer Fall Ob’s nun der Corsa „Steffi“ war der Golf „Fire & Ice“: Spätestens seit den 80ern boomen irgendwelche tolle Sondermodelle und lassen dabei die Basisversion oft alt aussehen.

Als der Typ 3 gebaut worden ist, hat man sich bei Volkswagen noch ein wenig zurückgehalten mit irgendwelchen Festival-Varianten.
Zum Modelljahr 1966 gab es den VW 1600 als „Teak“ und „Pigalle“, und 1973 dann ein seltsames Modell mit noch seltsameren Namen: „S 775 Komfort-Auto“. Eigentlich kennen wir diese Autos nur als „das 73er Sondermodell“. Es ist ganz leicht zu erkennen am Metallic-Lack und an der orangefarbenen Innenausstattung. Schaut man noch etwas genauer hin, dann erkennt man noch Radlauf-Chrom und geänderte Zierleisten mit Gummi-Unterlage.
Im Club haben wir nur wenige dieser Autos, kaum einer ist zudem wirklich gut erhalten. Boris Neißers Limousine ist gut beieinander. Das haben wir in Düsseldorf beim Jahrestreffen ja bewundern dürfen. Doch die Autos von Mario Kempf aus Meppen sehen glatt neuwertig aus. Deshalb habe ich sie mal als Anschauungsobjekte hergenommen. Ich habe beide einst für eine schnelle VW-Zeitung fotografiert und so noch die Fotos im Büro auf CD gehabt. Das macht’s natürlich einfach.

Marios erstes Sondermodell war der Variant. Der VW-Fan hat ihn im November 2002 mit exakt 27.887 Kilometern auf der Uhr übernommen. Ein Friseur aus Bonn hat damit seine Urlaubsfahrten gemacht und den Wagen ansonsten in der Garage stehen lassen. Dementsprechend makellos präsentiert sich der am 26. Oktober 1972 erstzugelassene Wagen auch heute noch. In den Radkästen kann man noch die Wachskreide-Markierungen der VW-Arbeiter erkennen. Und unter dem Farbcode-Aufkleber in der Resveradwanne befindet sich immer noch das Zettelchen aus der VW-Kontrolle.
Der Variant ist lackiert „Diamant-Zweischicht Türkis-Metallic“. Ab Werk war es ein Standard mit einfacher schwarzer Kofferraummatte vorn und den kleinen Armlehnen sowie ohne Türtaschen in den Pappen. Dennoch hatte der Wagen ab Werk eine Uhr und Teppich im Innenraum. Wenn ich mich nicht irre, hatten die „A“-Modelle doch Gummimatten, oder?
Nachgerüstet hat Mario die Felgen (Mahle in 5,5 x 15 ET 40 mit 145/80ern und 165/80ern), einen VDO-Drehzahlmesser, Aufstellfenster hinten und einen Dachgepäckträger aus dem US-VW-Zubehör.

Es handelt sich also wirklich um ein originales VW-Teil. Außerdem hat der Variant Italo-Blinker. Sie sind vorn klar und an den Seiten orange. Und für den Look hat sich Mario auch noch Chromsockel unter den Blinkern und den Rücklichtern gegönnt. Der Motor befindet sich im Originalzustand. Auf der Dämmpappe über dem Motor klebt übrigens noch eine Boulevard-Zeitung aus den 70ern. Mario hat sie dort belassen. Sie gehört halt dazu. Eigentlich dachte Mario, dass er nach so viel Glück nicht noch mehr Glück haben könnte.

Doch dann drückte ihn ein Kumpel mit der Nase auf eine Anzeige bei „mobile.de“.

Ein VW-Händler in Reutlingen wurde von den Erben abgewickelt. Die Autosammlung des Seniors musste ebenfalls raus. Und da war halt auch eine Sondermodell-Limousine dabei. Diesmal Baujahr 1973 und in L-Ausstattung. Also mit vorderem Kofferraum in vollem Ornat und den fetten Armlehnen und Kartentaschen in den Pappen.
Dieser Typ 3 Stufenheck ist in „Diamant-Zweischicht Anthrazit“ lackiert. Der Erstebsitzer hat in wahrscheinlich Mitte der 70er in Zahlung gegeben und sich was Neues gekauft. Doch restlos aufklären lässt sich die Geschichte dieses Typ 3 nicht, denn die Papiere sind irgendwann einmal verloren gegangen. Der „L“ wurde seinerzeit mit Schmutzfängern ausgerüstet. Mario hat einen Abarth-Auspuff drunter geschraubt, einen Drehzahlmesser reingesetzt, sich ein Passat TS-Lenkrad umgestrickt und noch ein Radio verbaut. Tiefer ist der Wagen auch wieder etwas, und dass da Fuchs-Felgen drauf sind, seht ihr ja selbst.
Die Limousine ist im Zustand sogar noch besser als der Variant. Inzwischen baggert Mario noch an einem Sondermodell-TL, doch der ist im vorläufig durch die Lappen gegangen und bei der Tochter eines Papas gelandet, der meinte, dass sie zum 18. Geburtstag unbedingt irgendeinen alten VW braucht.

Nun ja... Also, was zeichnet die Sondermodelle von 1972/73 aus?
Fassen wir mal zusammen. Sie waren entweder in türkis oder anthrazit lackiert. Sie haben besondere Zierleisten und Radlaufchrom, sie haben eine orangefarbene Innenausstattung (schöner Stoff auf Dreibein-Sitzen, die im Neuzustand sogar echt bequem sind) und sie haben ein Lenkrad mit geschäumtem Kranz und gepolsterter Prallplatte, wie später auch verschiedene 1303-Varianten.
Es gab das Sondermodell „Komfort-Auto“ in allen drei Karosserie-Varianten und es konnte wahlweise als „A“ oder „L“ bestellt werden. Darüber hinaus konnte man seinem Wagen noch alle möglichen „M“-Ausstattungen bis hin zu Sitzen mit integrierten Kopfstützen angedeihen lassen. Unbestätigt sind nach wie vor die Produktionszahlen.
Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass diese Autos insgesamt 1500 mal gebaut worden sind (je 500 Varis, TLs und Limousinen). Aber wie gesagt: Bestätigt ist das nicht. Bei Volkswagen gibt es offensichtlich nur noch sehr wenig oder gar keine Unterlagen mehr. Zumindest hat sie bislang auch nach Anfragen noch niemand gefunden. Prospekte über das Sondermodell sind auch nicht bekannt. Irgendwie wirken die Autos cool mit diesem feisten Orange im Innern. Mancher wird sich allerdings auch mit Grausen abwenden – kann ich auch verstehen.

Jedenfalls ist es gut, dass zumindest einige Exemplare in gutem Originalzustand (oder leicht rückbaubar) überlebt haben.

Thorsten Elbrigmann